Grundpflege auf Intensivstation

Der Text ist schon etwas älter, aber er soll nicht nur in meiner Schublade liegen.

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Die Grundpflege auf der Intensivstation

Die Pflege wird oft mit zwei Tätigkeiten gleichgesetzt.

Mahlzeiten, ob anzureichen oder nur bereitstellen und Stuhlgang beseitigen, ob Dick ob Dünn, ob viel oder wenig, sind nur ein kleiner Teil unserer Arbeit. Aber bei weitem nicht Alles.
Ein guter Intensivpfleger weiß dennoch: “Regelmäßig Kacken ist gesund!“

Das bringt uns an den Ort, an dem ich arbeite: Die Intensivstation!
Wir müssen einige berufliche Qualifikationen mitbringen, die wir nicht erlernt haben und trotzdem Teile davon beherrschen sollten. Ihr werdet während des Slams einige erkennen, andere nenne ich einfach.

Kabel und Schläuche wohin man sieht! Vom Patient zum Überwachungsmonitor, von der Beatmungsmaschine zum Patienten, die vielen Katheter aus und in den Menschen, mit entsprechenden Schläuchen und Gefäßen.

Das alles UND noch viel mehr, müssen wir überblicken und zuordnen können, trotz das der Vorgänger einen Kabelsalat hinterlassen hat!
Denn Jeder hat doch irgendwie seine eigene Ordnung und mein Nachfolger freut sich über Meine!

Auch die verschiedenen Betten mit den verschiedensten Funktionen müssen wir beherrschen. Es gibt Betten für große Menschen, kleine Menschen, besonders dünne Menschen, besonders dicke Menschen.

Menschen die auf die Seite gedreht werden oder auf den Bauch oder am besten gar nicht.

Man könnte bei der Grundpflege auf einer Intensivstation meinen, man versorgt ein Neugeborenes oder einen Mann mit einem richtigen Männerschnupfen.
Bei jeder Berührung kann etwas kaputt gehen.
Glaubt es mir, Ich hatte erst Einen!
Aber man glaubt es kaum, Menschen sind sehr robust und halten einiges aus!

Die Grundpflege beginnt meist am Kopf. Schon hier zeigen sich Friseur- und Kosmetikkenntnisse.
Die Haare waschen und Legen – sogar kostenfrei – und in jeder Patientenlage.

Die Bartrasur wie ein professioneller Barbier, bei der man hinterher nicht sieht, wo der Beatmungsschlauch fixiert war! Welche Waschlotion verwende ich für das Gesicht und welche Creme? Wie wichtig ist das dem Patienten zu Hause gewesen?
Die Augen müssen gepflegt werden, damit der Augenarzt zu Hause bleiben kann und auch hier werden verschiedenste Produkte für verschiedenste Probleme angeboten. Da haben sogar Optiker ihre Schwierigkeiten!
Die Nase, durch die eine Magen- oder Ernährungssonde führt, kann nicht jeder Patient putzen. Auch da gehört Feingefühl und Ahnung zum Geschäft.
Bei der Mundpflege ist die Versorgung  so individuell, wie es einige Zahnarztfrauen empfehlen. Wie möchte es der Mensch zu Hause, wie oft, mit welchen Utensilien?
Welche Erkrankungen hat der Patient  und welche Medikamente bekommt er, die evtl. darauf Einfluss haben?!
Die Industrie versucht, seit dem es  Mundpflege gibt, geeignete Dinge herzustellen, scheitert doch immer wieder an der Individualität ihrer Konsumenten.

Das Waschen eines Menschen steht dem Besuch eines Fitnessstudios in nichts nach! Ein Arm wiegt im Durchschnitt 4,5 Kg und ein Bein 14!

Eine wichtige Erkenntnis ist, dass der Mensch, ob in Narkose oder Koma gefördert und gefordert werden MUSS !
Diese Reize und Bewegungsübungen können sehr gut in die Körperpflege integriert werden. Die richtigen Reize beginnen schon bei der richtigen Wahl der Bettseite, wenn man an Patienten mit einem Schlaganfall denkt. Die Kommunikation während der Pflege ist das A&O. Der Patient muss wissen, welchen Körperteil man berührt, wobei die eigene LinksRechtsschwäche doch sehr hinderlich sein kann.
Auch die körperliche Nähe sollte für eine Pflegekraft kein Thema sein, denn das Berühren der intimsten Stellen eines „Fremden“ fordert viel Geschick!
Man sollte sich als einzige Person oder mit einem Kollegen im Raum aufhalten und dann den Zeitpunkt der Intimpflege genau so abpassen, dass Diese nicht während der Visite stattfindet, wenn ein duzend Ärzte auf den nackten Hintern von Herrn oder Frau Müller schauen können!
Bei der Hautpflege zeigen sich wieder die verschieden nötigen Qualifikationen. Wir müssen erkennen, welchen Hauttyp der Mensch vor uns hat, welche Lotion oder Creme wir am besten verwenden können. Wir müssen Hautveränderungen oder –Erkrankungen erkennen können und zur Not weitergeben.
Bei den Händen und den Füßen zeigen sich die Fähigkeiten der Maniküre und Podologie. Wie mache ich ein angenehmes Handbad? Wie schneide ich die Fingernägel richtig? Wie versorge ich die Füße anständig, damit der Patient mit den Physiotherapeuten über den Gang flitzen kann?!
Zur Grundpflege gehören auch Verbandwechsel jeder Art! Von der Magensonde bis zu den Zugängen, von kleinen Platzwunden bis zu großen Wunden durch Druckgeschwüre oder Operationen. Dabei zeigt sich auch diagnostisches Know How, denn Veränderungen ins Gute wie ins Schlechte müssen erkannt, beurteilt und entsprechend versorgt werden.
Was dann aber nicht vergessen werden darf, ist das Wechseln der Bettwäsche.
Da würde jede Hotelfachfrau blass werden! Wir schaffen es sicher in derselben Zeit!
Aber bei uns liegt noch jemand im Bett!
Die Wäsche der Kissen und Decken sind schnell gemacht.
Das Bettlaken ist dann doch etwas Anderes.
Der Mensch – samt Schläuchen, Kabeln, Drainagen und Kathetern – muss irgendwie auf das neue Laken.
Mit Zauberei, á la Houdini oder Copperfield, ist da nichts zu machen.
Wir drehen den Patienten auf die linke und rechte Körperseite und tauschen so Alt gegen Neu. Wenn man vorher mitgedacht hat, liegt der Mensch schon jetzt auf der richtigen Seite und man kann sich aufmachen zum nächsten Patienten.
Denn da warten ja noch ein bis zwei/ drei andere Patienten, die genauso versorgt werden wollen und müssen. Die Handlungen müssen wohl überlegt und an Jeden individuell angepasst werden und doch aus dem FF kommen.
Ich habe eine Schicht dafür Zeit und muss noch Visiten, Untersuchungen,
Op´s und andere Eventualitäten einplanen.
Die Dokumentation des Ganzen geschieht möglichst zeitnahe, denn Elefanten haben kein pflegerisches Geschick, wie wir.
Aber bei der Grundpflege bleibt es ja nicht.
Die Physiotherapeuten haben nur begrenzte Kapazitäten, weshalb wir auch weitere Handlungen wie Mobilisation und Bewegungstherapie durchführen.
Auch nehmen wir regelmäßig Blut ab und beurteilen Blutgasanalysen selbst, um entsprechend handeln zu können!
Auch die Monitore und Beatmungsmaschinen – der verschiedensten Hersteller – müssen alle beherrscht werden, denn bei Wechselintervallen der Systeme sollten wir ein wenig medizintechnische Kenntnisse vorweisen können.
Die Infusions- und Medikamententherapie gehört auch mit zu unserem Aufgabengebiet, würde hier doch etwas zu weit führen.

Zur Intensivpflege, wie zu jeder anderen Pflegefachrichtung, gehört doch einiges mehr als Essen anreichen und Stuhlgang zu beseitigen.

©by Mathias Düring

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